Vom Zwischenhalt zum Sehnsuchtsort

    Wie wurde die Schweiz vom Zwischenhalt adliger Bildungsreisender zum Sehnsuchtsort, Ferienklassiker und Selfie-Hotspot von Reisenden aus aller Welt? Die neue Ausstellung «Tourismus. Reiseziel Schweiz» im Forum Schweizer Geschichte Schwyz erzählt ab dem 20. Juni 2026 die Geschichte des Schweizer Tourismus von seinen Anfängen bis heute. Sie zeigt, wie Hotelpaläste, Bergbahnen und touristische Bilder das Reiseland Schweiz geprägt haben, und fragt, wohin die Reise künftig geht.

    (Bild: © Schweizerisches Nationalmuseum/ Mara Truog) Mit dem Sessellift ins Reiseziel Schweiz: Der Eingangsbereich der Ausstellung empfängt die Besucherinnen und Besucher mit einem Zweiersessellift vom Sattel-Hochstuckli und einer Audiostation, die sie gleich in die Rolle von Touristinnen und Touristen versetzt. Der Lift war von 1950 bis 2005 in Betrieb.

    Wie reisen Touristinnen und Touristen durch die Schweiz – und wie sind wir selbst als Reisende unterwegs? Die Ausstellung beleuchtet verschiedene Aspekte des Tourismus: Den Aufstieg vom Zwischenhalt für Adlige auf dem Weg nach Italien bis zum eigenständigen Reiseziel sowie Fragen zu Nachhaltigkeit und zum Übertourismus. Der Rundgang ist mit einer Prise Nostalgie und vielen installativen Details gestaltet. Die Wechselausstellung bietet eine kulturhistorische Einordnung und schafft Raum, über die Zukunft des Reiselands Schweiz und aktuelle Herausforderungen wie Digitalisierung und Klimawandel nachzudenken.

    Check-in mit Ferienbudget
    Das Erlebnis beginnt am Eingang: Der Empfangsbereich präsentiert sich als Hotelrezeption. Die Gäste erhalten beim «Check-in» ein Ferienbudget in Form von Jetons, die sie an inter aktiven Stationen einsetzen können – für eine Postkarte im Souvenir-Shop oder den Zugang zu einem exklusiven Selfie-Spot. Der Einstieg in die Ausstellung erfolgt über ein Werk des Künstlerduos Studer/van den Berg. Das Bergpanorama aus der Serie «Vue des Alpes» präsentiert ein makelloses, nostalgisches Ferienerlebnis abseits von Massentourismus und Lärm. Doch der Schein trügt: Das Bild entpuppt sich auf den zweiten Blick als rein digitale Konstruktion. Das führt direkt zur Kernfrage: Was ist reale Natur – und was ein sorgfältig inszeniertes touristisches Idealbild? Von hier aus beginnt für die Besucherinnen und Besucher eine «Gratwanderung», welche die Entwicklung des Ferienlandes mit all seinen Wachstumsschüben, Treibern und Zäsuren vom 18. Jahrhundert bis heute zeigt.

    Von der Grand Tour zur Demokratisierung des Reisens
    Die Ursprünge des Schweizer Tourismus reichen bis zu den «Grand Tours» des ausgehenden 17. Jahrhunderts zurück. Junge englische Aristokraten legten auf ihrem Weg nach Italien einen Zwischenhalt in der Schweiz ein. Erst im Zuge von Aufklärung und Romantik wandelte sich die Schweiz vom Transitland zum Reiseziel. Die alpine Landschaft wurde von Künstlern und Literaten als Ort unberührter Natur und Sicherheit idealisiert. Dieses Bild prägt das touristische Selbstverständnis der Schweiz bis heute massgeblich.

    (Bild: © Schweizerisches Nationalmuseum) Hauptmotiv der Ausstellung «Tourismus. Reiseziel Schweiz», Grafik Büro Nord

    Boom in der Belle Époque
    Zwischen 1854 und 1865 prägten die «Goldenen Jahre des Alpinismus» die Entwicklung des Tourismus. Die Erstbesteigungen der Viertausender kurbelten den Bergtourismus an und brachten wirtschaftliche Impulse bis in entlegenste Täler. Dieser Boom kulminierte am Ende des 19. Jahrhunderts in der Belle Époque mit dem Bau von spektakulären Bergbahnen und luxuriösen Hotelpalästen. Die Ausstellung dokumentiert aber auch die bereits damals kritisierte «Verschandelung der Landschaft» durch die wachsende Zahl an Touristinnen und Touristen.

    Wohin geht die Reise?
    Im letzten Teil der Ausstellung rückt die Gegenwart in den Fokus: Soziale Medien prägen heute touristische Bildwelten und ersetzen den klassischen Reiseführer. Das Reiseverhalten folgt zunehmend dem Prinzip «öfter, weiter, kürzer» – mit drastischen Folgen: Themen wie selten genutzte Ferienwohnungen, das Schmelzen der Gletscher und der ökologische Fussabdruck wachsender Mobilität werden ebenso aufgegriffen wie die Frage, wie der Tourismus in Zukunft aussehen könnte.

    Partizipation: Das Publikum als Teil der Sammlung
    Die Ausstellung lädt nicht nur zum Nachdenken, sondern auch zum Mitmachen ein. Bereits vor der Eröffnung wird ein öffentlicher Aufruf lanciert: Gesucht werden Ferien-Selfies aus dem Publikum, die Teil der Ausstellung werden. Eine Auswahl dieser persönlichen Reisebilder wird nicht nur in die Schau integriert, sondern auch als digitales Kulturgut in die Fotografie-Sammlung des Schweizerischen Nationalmuseums aufgenommen. Und schliesslich können die Besuchenden über vier Zukunftsvisionen abstimmen und ihre Eindrücke in ein Gästebuch eintragen, bevor sie «auschecken». Denn die meisten von uns sind nicht nur Beobachtende, sondern selbst Touristinnen und Touristen.

    pd

    www.forumschwyz.ch

    Vorheriger ArtikelEin neuer Beruf entsteht
    Nächster Artikel«Menschen Beistand zu leisten, treibt mich an»